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„Ich dachte, das war’s“: Wie Gerhard Schneider Covid 19 überlebte

Ribbesbütteler (61) macht schweren Verlauf durch und muss sogar an die Beatmung

Von Dirk Reitmeister

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Schweren Verlauf überlebt: Gerhard Schneider aus Ribbesbüttel lag zwei Wochen im Krankenhaus. Die Folgen ist er auch anderthalb Monate später noch nicht los.fotos (2): Lea Rebuschat

Ribbesbüttel. Der Besucher merkt Gerhard Schneider nicht an, dass es noch vor kurzem spitz auf Knopf um den 61-Jährigen stand. Der Ribbesbütteler berichtet gefasst, klar und deutlich und ohne zu husten von seiner Covid-Erkrankung. Das ist nicht selbstverständlich. Zwei Wochen lag er im Krankenhaus. Zeitweise musste er beatmet werden. „Ich hatte das Gefühl: Das war’s.“

Das Wohnzimmer in dem Einfamilienhaus in Ribbesbüttel ist nicht mehr komplett. Decken umhüllen die beiden Sessel. Im Sommer beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Der Umzug wird Gerda und Gerhard Schneider in die Nähe von Tochter und Schwiegersohn in den Raum Nördlingen in Bayern führen. Um ein Haar wäre es ganz anders gekommen. Und das hat mit Nördlingen zu tun.

Mitte März waren Schneiders zu Besuch dort. Einen Tag nach ihrer Rückkehr meldete sich der Schwiegersohn mit einer Hiobsbotschaft. Positiv auf Corona getestet. Zwei Tage später ging es bei Gerhard Schneider los. Das Drama nahm seinen Lauf.

„Fieber wie verrückt“, schildert Schneider im Gespräch am Esszimmertisch, sein Tablet in der Hand, in dem er immer wieder nachschaut. „Ich hatte 40 Jahre kein Fieber, wusste gar nicht mehr, wie das geht“, sagt er und schmunzelt. Jetzt kann er wieder lächeln. Das Gröbste dürfte hinter ihm liegen. Vorbei ist es noch nicht.

Das Gröbste, das waren die Wochen im März und April. Bei seinem Hausarzt malte er sich noch nicht aus, was auf ihn zukommen würde. „Dann wurde es immer schlimmer.“ Ein Freund, der in der Pflege arbeitet, riet ihm dringend, ins Klinikum zu kommen. Wie ernst es um ihn stand, machte ihm ein Gespräch mit einem Klinikarzt deutlich. Dieser stand in der Tür des Zimmers der zur Corona-Station umgewandelten Geriatrie und sagte: „Wenn ich Sie nach Hause schicke, schicke ich Sie in den Tod.“ So weit zum Thema „Gefühlt war es nicht so schlimm“, wie Schneider heute sagt.

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Diesen Satz des Arztes noch frisch im Ohr ging es für den 61-Jährigen auf die Covid-Intensivstation. „Mit Druckbeatmung.“ Dazu hatte er eine spezielle Maske auf. Zwei oder drei Nächte lang, genau weiß er es nicht mehr. „Ich bin verhältnismäßig schnell wieder auf die Covid-Station gekommen.“

Der Ribbesbütteler tippt auf sein rechtes Handgelenk. „Die haben mir die Pulsadern geöffnet.“ Zwecks Messung von Blutdruck und Sauerstoffsättigung im Blut. „Ich bin jetzt wirklich krank: Das muss man erst einmal akzeptieren.“ Tage des Bangens auch für Gerda Schneider. Sie war ebenfalls an Covid erkrankt, zuhause in Quarantäne. Bei ihr blieb es bei grippeähnlichen Symptomen. Doch wie geht es dem Ehemann? Sie hatte Angst, allein zurück zu bleiben, sagt die Ribbesbüttelerin und atmet tief durch. „Wir haben uns immer geschützt, sind nirgends hingegangen, hatten keinen Kontakt.“ Nachbarn versorgten sie in der Zeit der Isolation mit dem Nötigsten. Das brachte die Dinge des täglichen Bedarfs, aber auch Nähe und Beistand.

Lichtblick am 8. April: Schneider durfte das Helios-Klinikum verlassen. „Ich dachte in meiner Naivität, dass ich durch sei. Doch es ging erst richtig los.“ Hustenanfälle bis zum Erbrechen brachten ihn dazu, einen Lungenfacharzt aufzusuchen. Dass er praktisch sofort eine Computertomografie bekam, machte einmal mehr den Ernst der Lage deutlich. Wenigstens keine Embolie, lautete das Ergebnis. aber eine Verengung der Bronchien und Vernarbungen des Lungengewebes.

„Ich habe tonnenweise Hustenbonbons gegessen“, sagt Gerhard Schneider. Letztendlich hätten Antibiotika geholfen. Schneider holt sein Pedelec aus der Garage. Das hat er sich im November angeschafft. „Ich habe das Gefühl, ein bisschen mehr Power zu haben.“ Aber über 15 Kilometer sei er noch nicht hinaus gekommen. Mehr als 40 Kilometer wie vor Corona kann er sich abschminken. Er braucht noch Geduld. Für den Umzug im Juli hat er eine Firma beauftragt. Umzugskartons und Möbel schleppen? „Das packe ich nicht.“

Schneiders haben eine Genesenen-Bescheinigung. Damit waren sie neulich Shoppen in Gifhorn, ohne einen Corona-Test machen zu müssen. Ein Privileg, für das sie einen hohen Preis bezahlt haben.

AZ 19.05.2021

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